Plastik in der Schlei: Wer hat Schuld?

Freitag, 09 März 2018 20:31 geschrieben von 
Diese kleinen Plastikstückchen hat Nabu-Mitglied Klaus-Peter Heidrich am Schleiufer in Fahrdorf gesammelt. Millionen von den bunten Teilen haben sich in der gesamten Kleinen Breite verteilt. Diese kleinen Plastikstückchen hat Nabu-Mitglied Klaus-Peter Heidrich am Schleiufer in Fahrdorf gesammelt. Millionen von den bunten Teilen haben sich in der gesamten Kleinen Breite verteilt. HEIDRICH


Stadtwerke und Lieferbetrieb der Speisereste streiten um Verantwortung / Nabu kritisiert Informationspolitik des Kreises

Kaum ist offiziell bekannt geworden, dass über die Schleswiger Kläranlage seit Monaten Millionen von Plastikstückchen in die Schlei eingeleitet wurden, bahnt sich ein Streit um die Verantwortung dafür an. Bereits am Montag hatte Wolfgang Schoofs, der Geschäftsführer der Stadtwerke, die das Klärwerk betreiben, erklärt, dass man zurzeit prüfe, rechtliche Schritte einzuleiten. Adressiert war diese Aussage – ohne es ausgesprochen zu haben – an die Firma Refood. Diese beliefert die Kläranlage seit Jahren mit Essensresten, der vergoren werden, um daraus Energie zu gewinnen. Das Problem daran: Darin enthalten sind auch abgelaufene Lebensmittel, die zum Teil samt Plastikverpackung geschreddert wurden.

Das, so betont Refood-Sprecher Marcel Dedrichs auf Zeitungsnachfrage, sei gängige Praxis bei der Entsorgung von Speiseresten. Umso verwunderter sei man gewesen, dass die Stadtwerke dies nun bemängeln. „Wir haben in unserem Vertrag explizit darauf hingewiesen, dass die angelieferte Biomasse nichtorganische Stoffe enthält, insbesondere auch Plastik“, sagt Dedrichs. Passend dazu enthalte der Kontrakt einen Passus, in dem der Käufer – in diesem Fall die Stadtwerke – darauf hingewiesen wird, dass die Masse vor der Verwendung „über eine mechanische Absiebeeinrichtung oder ein Rechensystem mit einer Siebgröße von kleiner als zwei Millimeter geführt werden muss“. Für die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen, so Derichs, seien allein die Stadtwerke verantwortlich. „Sie müssen, wie bei allen anderen Stoffen auch, dafür sorgen, dass aus der Kläranlage keine Fremdstoffe in öffentliche Gewässer gelangen.“

Das weiß auch Stadtwerke-Chef Wolfgang Schoofs. Er betont jedoch, dass in dem Vertrag mit Refood stehe, dass die Biomasse zwar Fremdstoffe enthalte, diese aber vor dem Verkauf vom Zulieferer maschinell entfernt werden müssten. Und selbst wenn weiterhin ein geringer Anteil an Fremdstoffen in dem Brei enthalten sei, sollte die Kläranlage mit ihren vier Filterstufen in der Lage sein, diese aufzufangen. Da das nicht passiert ist, folgert Schoofs, dass der Anteil an Plastik in der Biomasse ohne das Wissen der Stadtwerke in den vergangenen Wochen deutlich höher gewesen ist als früher. „Wir hatten zehn Jahre lang keine Probleme. Und jetzt das“, sagt er und betont noch einmal: „Wir haben nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Unser Abwasser und Klärschlamm werden regelmäßig kontrolliert, und es gab nie Beanstandungen.“

Diese allerdings äußert man nun aus den Reihen der Schleswiger Gruppe des Naturschutzbundes – und zwar in Richtung Kreis. „Wie kann es sein, dass man dort seit Jahren von dem Problem weiß und wir ehrenamtlichen Naturschützer davon nichts erfahren?“, fragt sich Werner Kuhr, Schutzgebietsreferent für die Halbinsel Reesholm. Dort wurden bereits Ende letzten Jahren unzählige Plastikteile gefunden. Kuhr meldete das bei der Unteren Naturschutzbehörde (UNB). „Da hat man mir aber nicht gesagt, dass man seit zwei Jahren das Problem kennt“, sagt er und fügt an: „Oder wollte man da was verheimlichen? Man kann doch nicht so mit uns Betreuern umgehen. Ich bin stocksauer.“

Tatsächlich hatte Fachbereichsleiter Thorsten Roos am Montag erklärt, dass seine Behörde 2016 erstmals von Plastikteilen in der Schlei gehört habe. „Das war damals nur ein Anruf, parallel dazu gab es einen ähnlichen Fall in der Flensburger Förde. Das hat sich dann verlaufen. Erst jetzt hat die Geschichte Fahrt aufgenommen“, erklärt nun UNB-Mitarbeiter Holger Steen. Zudem bestätigt er einen Anruf des Nabu, dieser jedoch sei von einer damals gerade erst neuen Kollegin angenommen worden, die den Sachverhalt noch nicht kannte. „Wir haben rund um den Jahreswechsel mehrere Hinweise bekommen. Dann haben wir Strafanzeige erstattet. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen. Wir wollten also nichts unter den Teppich kehren“, so Steen.

Er weist darauf hin, dass nun mit Blick auf die notwendigen Reinigungsarbeiten Eile geboten sei. „Das alles ist ein Riesenskandal. Das Zeug muss weg“, betont auch Werner Kuhr. Denn nicht nur für die Tiere seien die kleinen Plastikteilchen eine Gefahr, sondern auch für Kinder, die im Sommer in der Schlei baden. „Die können die harten, spitzen Stückchen schnell in den Mund bekommen“, meint er. Allerdings müsse man bei der Beseitigung des Plastik, das sich in erster Linie im Uferbereich festsetzt, auch Rücksicht nehmen auf die Brutzeiten der Wasservögel. „Von April bis Ende August können wir nichts machen. Man muss also vorher Gas geben“, sagt Kuhr.

Holger Steen indes geht von einem etwas größeren Zeitfenster aus. Abhängig von den verschiedenen Brutzeiten der Vögel könne man auch bis in den Mai hinein an vielen Orten den Müll beseitigen. „Er muss raus aus dem Kreislauf, bevor er sich weiter verkleinert. Da können wir uns nicht ein halbes Jahr Pause leisten.“

Aus den Reihen der Holmer Fischer hört man bislang wenig zum Thema Plastik. Eine Sache will man dann aber doch betonen: Man habe keinerlei Rückstände in den Schleifischen entdecken können.

Quelle: www.shz.de, Eckernförder Zeitung vom 09.03.2018, Sven Windmann

Letzte Änderung am Freitag, 09 März 2018 10:35
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